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Friedenstaube für Arme

Ein fröhlicher Klang meines Handyweckers reißt mich wie das böswillige Lachen eines Clowns aus der Traumwelt und der kalte, graue Morgen heißt mich in einen neuen Tag willkommen. Keine Gedanken, keine Gefühle. Ich bin schweinemüde und vollkommen gleichgültig gegenüber allem was um mich herum  passiert.

Manche Menschen meiden Stress, andere ziehen ihn an. Ich meide ihn. Meine Eltern sehnen sich danach. Dummer weise müssen sie mich  immer mit in ihren Stress hinein ziehen. Nur aus diesem Grund muss ich heute früh aufstehen und mit meiner Mutter zu einem Ort fahren, bei dem ich mich ebenso unwohl fühle wie in einer Irrenanstalt.

Bereits beim Aussteigen aus der U-Bahn wird mir mulmig. Die Welt scheint sich zu verzerren. All die Menschen sehen für mich aus wie Monster; verkrüppelte Gestalten dessen bloßes Antlitz in mir Übelkeit hervorruft.

Eine graue Taube mit einem Zweig im Schnabel fliegt an mir vorbei und reißt mich aus dem Albtraum. Schon eigenartig, dass die Ratte der Lüfte auf mich mitten unter all den Menschen wie ein Verbündeter inmitten von Feinden vorkommt. - Die Friedenstaube für Arme. 

Meine Mutter zieht eine Nummer und wir setzen uns in einen Raum, der mir wie eine Ausstellung von Picasso erscheint. Beim Gedanken, die Luft atmen zu müssen, die bereits in zig tausend Lungen dieser Monstrositäten von Innen erblicken musste, ruft in mir zusätzlich Schwindelgefühl hervor. Es erscheint mir viel stickiger und enger als in der geschlossenen Anstalt.

Unsere Nummer wird eingeblendet und wir marschieren in den Beratungsraum wie Rinder ins Schlachthaus. Der Metzger erscheint mir wie ein weiteres Gemälde von Picasso; verzerrt, irreal, abstoßend. Die Tür schließt und ich komme langsam zu mir. Gott sei dank steht das große Fenster in diesem kleinen Raum speerweit offen, auch wenn die Luft dennoch erdrückend ist.

Das Gespräch ist eine Katastrophe. Meine Mutter und die Beraterin sind wie zwei Steinböcke, die mitten auf einer engen Brücke stehen und sich gegenseitig pertu nicht den Weg räumen wollen und mit den Köpfen gegeneinander schlagen in der Hoffnung, dass einer schwäche ist und aufgibt. Das ganze Gespräch entpuppt sich als sinnlos und wir flüchten aus dem Gebäude. Die Nervosität meiner aufgebrachten Mutter fließt in mich hinein und durchbohrt mein Herz. Es ist wie die Druckwelle einer Atombombe nach der Explosion die mir die Luft vollkommen aus der Lunge presst. Ich will hier weg. Zurück in meine vier Wände, die kühler, klarer Luft und wenig Licht. Zurück in mein Bett, in dem ich mich wie ein Embryo im warmen Bauch der Mutter zusammen rollen und friedlich ins Land der Träume versinken kann. Ohne Monster, ohne Stress, ohne enge Flure und ohne Luft die einem das Atmen zur Qual macht.

Wir sind immer noch in der U-Bahn. Die Monster werden langsam aber gleichmäßig wieder zu Menschen, die Luft wird frischer. Ein paar Sitzreihen vor mir erblicke ich ein interessantes und wohltuendes Gesicht. Wie die Venus sich aus dem wilden Meer erhebt, so hebt sich dieses Gesicht hervor inmitten von alten, verschrumpelten und unbehaglichen Fratzen. Irgendetwas in ihrem Gesicht kommt mir bekannt vor. Ihre blauen Augen schauen mich an, doch ich weiche den Blick nicht von ihr ab. Sie gibt nach und dreht sich wieder zum Fenster. Ihre Haare sind gerade mal 3 cm. lang außer am Pony und an den Seiten, wo die Haare länger sind und herabhängen. Ihr Gesicht ist perfekt geformt. Ich wiege mich in ihrem Antlitz und vergesse all den Stress und all die Menschen um uns herum. Ich könnte hingehen und sie ansprechen und sie würde mich vermutlich nicht einmal abweisen. Doch ich bin zu feige und meine Mutter sitzt neben mir. Dieser Gedanke ruft mich wieder zurück auf den Boden der Tatsachen. Das wundervolle Geschöpf steht plötzlich auf und ich merke, dass sie viel größer ist als ich und stelle mir vor wie schön es wäre in ihren Armen zu versinken. Ihre Hose ist dunkel und breit. Eine mit weißen Farbflecken bedeckte Männerhose. Die Bestätigung meiner Hypothese, dass sie von meinem Ufer stammen könnte und das hindeuten auf ihr Berufsleben. Sie ist bezaubernd. Doch da geht sie hin. Aus der U-Bahn auf die Rolltreppe und aus meinem Blickwinkel. Ich bereue es sie nicht angesprochen zu haben. Kaum ist sie weg kommen meine schmerzen und Übelkeit wieder und verfolgt mich bis nach Hause.

Zu Hause angekommen schwebe ich in Erinnerungen an die bezaubernde, große  Frau aus der U-Bahn und bin froh wieder frei Atmen zu können. Plötzlich fällt mir ein, dass die Beraterin mich Erwachsen und Vernünftig nannte. Wie sehr können sich Menschen in mir täuschen… Aber vermutlich ist es genau diese Fassade, die die anderen an mir reizt und sie dazu bewegt mich anzusprechen. Vielleicht sollte ich mich langsam aber sicher zusammen reißen, mein dauernd quengelndes Kind im stich zu lassen und endlich erwachsen und Vernünftig werden. Vielleicht ist es das. Die Lösung für mein Problem. Ich benehme mich wie ein Kind. Ich weine wenn ich nicht das bekomme was ich will. Vermutlich soll ich das Kind in mir fesseln und in einen dunkeln Kerker einsperren und verdursten lassen, damit ich zum lang ersehnten Ziel komme. Doch gleichzeitig, wenn ich dies tue werde ich gänzlich gefühlskalt. Ob das wirklich die Lösung wäre? …

Es ist erst knapp 13 Uhr und ich habe das Gefühl dass der Tag schon vorbei ist, nach all dem was ich heute Morgen erblicken musste. Mal sehen was noch alles auf mich zu kommt...

13.7.09 12:50
 


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